Maria am Gestade

Katholische Kirche der Redemptoristen in Wien, September 2022

Die Kirche Maria am Gestade in der Inneren Stadt zählt zu den frühesten Gründungen im mittelalterlichen Wien und ist die älteste Marienkirche. Ihren Namen erhielt sie topografisch aus der erhöhten Lage am ehemaligen Steilufer zur Donau. In Anspielung auf die Stiegen und Stufen ist die Kirche auch als „Maria Stiegen" bekannt. In die nördlichen Grundmauern sind Spuren von der Befestigung des römischen Kastells Vindobona eingearbeitet, und der schmale, geknickte Grundriss der Kirche bezeichnet die mittelalterliche Straßensituation. Der Legende nach haben hier im 9. Jahrhundert dankbare Schiffsleute eine Andachtsstätte errichtet. Das Kirchlein wurde 1154 im romanischen Stil neu gebaut und 1276 erneuert. Die heutige gotische Kirche entstand in zwei Bauabschnitten im Spätmittelalter.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Das Gotteshaus steht am früheren nördlichen Rand der mittelalterlichen Wiener Stadtmauer in dicht verbautem Gebiet, umgeben vom Steilhang des Ritters Griffo. Im Osten lagen mehrere Grundstücke und Gebäude, im Süden eine Gasse, an die ebenfalls Gebäude anschlossen und im Westen ein Stadttor, hinter dem eine Stiege hinunter zum Ottakringerbach führte. Die 1935 bis 1937 nach Plänen des Architekten Hubert Matuschek neu gestaltete Gasse heißt inzwischen Am Gestade. Nach ihr wird die Kirche im Volksmund manchmal auch Maria Stiegen genannt. Die lange Treppe mit dem Kirchengebäude im Hintergrund dient häufig als Fotomotiv bei Hochzeiten. Das Kirchengebäude ist trotz der begrenzten Baufläche streng geostet.

Westfassade: Der dreizonige Aufbau mit Portal, großem Spitzbogenfenster und Giebelbalustrade mit Kleeblattmaßwerk und Wasserspeiern war für Wien ungewöhnlich aufwendig und hatte bald Vorbildwirkung auf andere Kirchenbauten, wie auf das Westfassadenfenster des Stephansdomes und auf die Teynkirche in Prag. Für die Ausführung dieser wahrscheinlich von Meister Michael initiierten Ideen sorgte Peter von Prachatitz (1414). In originalen Blendrahmungen trägt der Dreiecksgiebel Figuren (von oben aus: Christus, Maria Immaculata, Joachim, Simeon, Moses und David), die in ihrer heutigen Form aus dem Jahre 1903 stammen. Für den Aufbau der Fassade haben elsässische und oberrheinische Einflüsse eine Rolle gespielt, motivische Details der Portale hingegen entstanden im Wechselspiel mit Bauformationen Peter Parlers am Prager Veitsdom (Parler-Gotik). Die Dombauhütten in Straßburg, Freiburg, Köln, Ulm und Prag standen durch wandernde Steinmetze - in Maria am Gestade hat man über 400 Steinmetzzeichen gefunden - im regen gegenseitigen Austausch.

Sowohl das Portal an der Westfassade wie auch das Seitenportal zum Langhaus der Kirche sind durch freitragende Baldachine mit Sternrippengewölben und überdimensionierten Kreuzblumen gekrönt. Auch für diese Idee dürfte Meister Michael Pate gestanden haben. Das Mosaik im Westportal stammt von Albert Neuhauser (1901). Die in der dreipassförmigen Laibung liegenden vier Propheten sowie die halbfigurigen Reliefs mit Johannes dem Evangelisten und Johannes dem Täufer am Westportal entstanden um 1400. Die Gewändestatuen links sind von Franz Erler (1898): die hll. Paulus, Johannes der Täufer, Theresia von Avila und Hieronymus, rechts sind es die Heiligen Leopold, Anna, Josef und Petrus.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Das 33 m hohe Kirchenhauptschiff ist mit einem Netzrippengewölbe mit figuralen Schlusssteinen abgeschlossen, das von der Dombauhütte unter Peter Prachatitz erbaut wurde und im Triumphbogen die Jahreszahl 1414 trägt. Die Breite des Kirchenschiffes beträgt nur knapp zehn Meter.

Der Chorraum folgt in seiner Form der polygonalen Apsis und ist mit mindestens fünf hohen Spitzbogen-Chorfenstern versehen. Die vier Fenster unmittelbar hinter dem Altar wurden mit erhaltenen gotischen Glasgemälden (aus der Zeit zwischen 1349 und 1436) zusammengesetztgestaltet, sie zeigen kleinteilige Bibelszenen. Gegen das Kirchenschiff ist der Chor mit einem Triumphbogen abgesetzt. Die Pfeiler im Hauptschiff sind stark profiliert und teilweise mit alten Skulpturen versehen. Gegenüber dem Chor erstreckt sich über die ganze Breite die 1515 eingebaute Westempore, deren Brüstung durch zartes Maßwerk aufgelöst ist. Hier ist die Orgel installiert und der Kirchenchor hat seinen Platz, weswegen die Empore auch Musikerempore genannt wird.

Am Übergang vom Chorraum zum Langhaus befindet sich ein Triumphbogen, der eine Bauinschrift von 1414 mit dem Wappen der Familie Liechtenstein trägt. Die gotische Inschrift lautet: „Die reiche Spende des Hofmeisters Johannes von Liechtenstein leitete das Werk ein, der sein Vermögen daran gab, und Leonhard Schauer konnte es in Liebe zur Gottesmutter vollenden. Die Hand des ersten Meisters Michael legte den Grundstein, wobei der Umfang des Baues hinausgeschoben wurde; 1398 wurde daselbst nach der Stiftung des gestürzten Herrn begonnen, aber es wurde 1414, bis die Vollendung kam. So merkt es euch, ihr Frommen, und zu euren Spenden fügt Gebete hinzu, dass ihnen Gott der Herr die Friedensruhe gebe."
Es wird auch von einem gotischen „Kreuz von Luck" berichtet, das an dieser Schnittstelle möglicherweise im Zusammenhang mit einem damaligen Kreuzaltar stand.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Angelehnt an eine Säule erhebt sich vor dem Chorbogen eine Kanzel mit achteckigem Schalldeckel. Kanzel, Schalldeckel und Zugang sind großflächig vergoldet und mit Ornamenten verziert.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Die große Orgel auf der Westempore wurde im Jahre 1911 in der Orgelmanufaktur Matthäus Mauracher jun. aus Salzburg erbaut. Sie ersetzte vorherige Kirchenmusikinstrumente, die mit den Jahren ihrer Benutzung zusehends unbespielbar geworden waren. Wiederverwendet wurde in diesem neuen Instrument Pfeifenmaterial aus den Vorgängerorgeln, sowie der Barockorgel, die auf der ehemaligen Musiker-Empore im Chorraum der Kirche stand. Der neugotische Prospekt stammt in großen Teilen ebenfalls von der Vorgängerorgel aus der Werkstatt von Friedrich Deutschmann. Das spätromantisch disponierte Kegelladen-Instrument hat 36 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind pneumatisch.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Eindrucksvoll sind die vier Apsisfenster, die mit ihrer mystischen Farbkraft einen Eindruck von der ursprünglichen Lichtgestaltung in Maria am Gestade geben. Die einzelnen Scheiben dieser Fenster sind zum größten Teil nicht an ihrem ursprünglichen Platz, sondern wurden aus Überresten aus anderen Fenstern des Kirchenraumes zu einem neuen Ganzen zusammengestellt. Obwohl dadurch der durchgängige Erzählstrom gehemmt ist, sind als Themenschwerpunkte Passion, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, das Leben Mariens, Pfingsten sowie Wappenschilder zu erkennen. Das zentrale Fenster ist oben ergänzt, wobei die modernen Farbtöne durchaus mit dem Raumganzen harmonieren.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Die Errichtung des Chorraumes mit drei Gewölbejochen und 5/8-Schluss - erkennbar an den fünf dreibahnigen Apsisfenstern erfolgte in östlicher Verlängerung der spätromanischen Kirche. Architektonisch wurde in Anklängen die Pariser Sainte-Chapelle (1248) zitiert, in welcher das Ansehen einer französischen Palastkapelle mit der Würde eines Reliquienschreines verbunden ist. Der Chorbau fällt in die gotische Bauperiode des Albertinischen Chores des Stephansdomes, der Minoritenkirche, der Deutschordenskirche und der Augustinerkirche.

Der Chorraum wirkt luftig und hell, wozu auch die vierbahnigen modernen Butzenglasfenster beitragen. Jedoch hatte die gotische Durchfensterung nicht die Absicht, den Raum aufzuhellen, sondern wollte die wunderbare Wirkung des farbigen Lichts in Form einer leuchtenden Bilderwand nutzen. Noch heute bespielt die Sonne am frühen Vormittag die Kirche bis in den hintersten Winkel mit violett und rot leuchtenden Lichttupfen aus den Apsisfenstern. Zwischen den spitzbogigen Maßwerkfenstern wirken die Wandpfeiler wie Rahmen. Die mächtige Schubkraft des Gewölbes wird durch sie und die äußeren Strebepfeiler aufgefangen und abgeleitet. Die Schlusssteine im Scheitelpunkt des Kreuzrippengewölbes halten den ganzen Bau zusammen und verbinden ihn zur Einheit. Sie haben den beachtlichen Durchmesser von über anderthalb Metern. Dargestellt sind auf ihnen die Symbole für die vier Evangelisten: Mensch, Löwe, Stier und Adler.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Kapelle und Altar des hl. Klemens
Die polygonale Kapelle ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts dem hl. Klemens Maria Hofbauer gewidmet. 1987 wurde der Raum durch den Bildhauer Oskar Höfinger mit einem runden Marmoraltar ausgestattet, in dem sich der neugotische Schrein mit den Reliquien des hl. Klemens befindet. Klemens Maria Hofbauer, dessen Überzeugung lautete: „Das Evangelium muss neu gepredigt werden!", war ein wichtiger kirchlicher Impulsgeber am Übergang von der Aufklärungszeit zur Romantik. 1751 im südmährischen Tasswitz bei Znaim geboren, erlernte er zunächst das Bäckerhandwerk, ehe er sich eine höhere Schulbildung aneignete und schließlich in Wien das Theologiestudium aufnahm. In seinen jungen Jahren pilgerte er mehrfach zu Fuß nach Rom. Schließlich lernte er dort die damals noch junge Ordensgemeinschaft der Redemptoristen kennen und trat in sie ein. Danach baute Hofbauer über zwanzig Jahre lang sehr erfolgreich eine Ordensniederlassung in Warschau auf. Andere Ansiedlungsversuche in Mitteleuropa blieben hingegen erfolglos. Als die Warschauer Kommunität durch Napoleon zerschlagen wurde, kehrte sich Klemens Maria Hofbauer 1808 Wien zu und wurde einer der gesuchtesten Seelsorger der Kaiserstadt.
Neben seiner ausgeprägten Sorge für arme Menschen pflegte er Kontakt zu zahlreichen Intellektuellen und Künstlern und war auch vielen Studenten freundschaftlich zugetan. Seine Hauptwirkungsstätte war ab 1813 die Ursulinenkirche. 1820 gestorben, wurden die sterblichen Überreste Klemens Maria Hofbauers zunächst auf dem Romantikerfriedhof bei Mödling beigesetzt, 1862 aber nach Maria am Gestade übertragen. Die Marmordeckplatte des früheren Hochgrabes von Joseph Gasser (1862) wurde 1959 in der Klemens-Kapelle aufgestellt.

Kapelle mit dem Marmoraltar und Reliquienschrein des hl. Klemens Maria Hofbauer.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Marienaltar und Ikone „Mutter von der Immerwährenden Hilfe"
Der Entwurf des neugotischen Altares (1821) stammte von Friedrich August von Klinkowström. Um 1830 geweiht und zunächst mit dem Bild des hl. Josef in der Mitte versehen, wurde der Altaraufbau 1879 und 1912 neu gefasst und bereichert. Oben ist die Jungfrau Maria zwischen den Heiligen Aloisius und Johann Berchmans zu sehen, auf den Säulen stehen die größeren Figuren der Kirchenväter Ambrosius, Gregorius, Hieronymus und Augustinus, zwischen denen die kleineren Statuen der Heiligen Alfons (links) und Franz Xaver (rechts) eingesetzt sind.

Die Originalikone der „Mutter von der Immerwährenden Hilfe" aus Kreta (14. Jahrhundert), wurde 1866 durch Papst Pius IX. der Ordensgemeinschaft der Redemptoristen für ihre römische Hauptkirche S. Alfonso nahe der Basilika S. Maria Maggiore übergeben. Von dort wurde das Marienbild in viele Länder verbreitet als ein wichtiges Identitätssymbol der Redemptoristen. Das in Maria am Gestade befindliche Bild ist eine originalgetreue Kopie von 1867 (der Rahmen wurde nach einer Zeichnung Joseph Führichs angefertigt). Die Gottesmutter ist mit ihrem Sohn Jesus auf dem Arm dargestellt. Während Maria sich den Bitten und Anliegen der Menschen zuwendet, scheint der Blick Jesu in die Weite der Ewigkeit gerichtet. Die Erzengel Michael und Gabriel tragen die Passionswerkzeuge. Bedeutungsvoll sind die verschiedenen Farben der Ikone: Der Goldhintergrund symbolisiert den Himmel, der tiefblaue Mantel Mariens mit den Sternen lässt an den Nachthimmel denken, das rote Untergewand erinnert an Liebe und Leiden als menschliche Grunderfahrungen, die Naturfarben Braun und Grün im Gewand Jesu verweisen schließlich auf die Erdverbundenheit und die hoffnungsstiftende Kraft des Christlichen. Die Ikone vermittelt einem Himmelsfenster gleich Vertrauen auf den Beistand der Gottesmutter in unzähligen menschlichen Nöten. Das Fest der „Mutter von der Immerwährenden Hilfe" wird am 27. Juni gefeiert.

rexhts: Altar des hl. Alfons und Skulptur (18. Jh.) der hl. Barbara

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

In der Gotik hatten jede Form und jedes Motiv neben der ästhetischen und funktionellen zugleich auch eine theologische Bedeutung. Schon der Begriff „Maßwerk" deutet auf Gott, den Schöpfer, hin. Das durch die Farbfenster einfallende Licht sollte den ganzen Kirchenraum in gebaute Liturgie verwandeln. Neben der Sinndeutung als Abbild des himmlischen Jerusalem wurden gotische Kirchen auch als Verbildlichungen des mystischen Leibes Christi aufgefasst. Im Zusammenhang mit dieser Interpretation ließe sich der eingangs erwähnte Achsenknick zum Chor, über eine bautechnische Terrainanpassung des Fundaments in der schmalen Häuserflucht am Donauufer hinaus, als ein Symbol für das geneigte Haupt Christi am Kreuz verstehen.
Dominiert wird der Chorraum von dem Hochaltar aus dem Jahre 1846. An der feierlichen Einweihung des ersten neugotischen Hochaltares in Wien nahm Kaiser Ferdinand teil. Entwurf und Durchführung des Altares lag in den Händen des Redemptoristen-Laienbruders Thomas Marzik. Dieser schuf auch eine große Monstranz, welche den Hochaltar in filigraner Goldschmiedearbeit imitiert. Hoch oben am Altar thront Gott-Vater zwischen anbetenden Engeln. Der Hl. Geist ist als Taube im bis zum Gewölbe strebenden Gesprenge dargestellt, das wie eine gewundene Dornenkrone das Strahlenkranzkruzifix (1440) umrahmt. Der dreibogige Baldachin erhält durch die Fialen den Charakter einer heiligen Kapelle. Über dem Drehtabernakel, dessen Relief das Letzte Abendmahl zeigt, ist auf einer Säule die barocke Gnadenstatue der Muttergottes (1750) aufgestellt, welche von einem siebenstrahligen Stern umgeben ist.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Strahlenkranzkruzifix (1440)
Gnadenstatue der Muttergottes (1750)
Relief am Drehtabernakel: Letztes Abendmahl
Statuen der hll. Alfons von Liguori und Johannes Nepomuk am Hochaltar
An der nördlichen Wand seitlich des Hochaltares ist ein gotisches Sakramentshäuschen (um 1414) angebracht. Sein Spruchband lautet: „Ecce panis angelorum factus cibus viato-rum vere" („Siehe das Brot der Engel ist wahrhaft zur Pilger-speise geworden").

Links und rechts vom Hochaltar sind zwei wertvolle, einzigartige und ungewöhnlich große Tafelbilder aus der Zeit um 1460 angebracht. Sie stammen vermutlich von einem spätgotischen Flügelaltar, der im Chor aufgestellt war. Sie könnten aber auch einem Lettneraltar zugehörig gewesen sein. Der Künstler ist unbekannt und wird als Meister von Maria am Gestade bezeichnet. Stilistisch hat er maßgebliche altniederländische Vorbilder (Jan van Eyck und Roger van der Weyden) über oberrheinische Vermittlung genutzt. Die beiden Feiertagsseiten zeigen mit „Mariä Verkündigung" (links) und „Mariä Krönung" (rechts) die Jungfrau Maria mit blauem Kleid, weißem Mantel und offenen Haaren.

Die Verkündigung durch den Erzengel Gabriel an Maria ist dabei in das spätmittelalterliche Ambiente einer Wiener Bürgerstube übersetzt. Beachtenswert sind dabei vor allem das Interieur und die zahlreichen Gebrauchsgegenstände. Als Botschaft vermittelt sich durch diese Szene, dass Gott die Jungfrau Maria völlig überraschend mitten in ihrem Alltag anspricht und beruft. Das Krönungsbild zeigt Maria in ihrer himmlischen Vollendung. Damit wird der christlichen Hoffnung Raum gegeben, dass Gott einen jeden Menschen bei sich im Himmel festlich empfangen und vollenden möchte. Ein Engel hält Zepter und Weltkugel in Händen, weitere 42 Engel singen und musizieren. Die gezeigten Musikinstrumente ermöglichen Rückschlüsse auf die damals übliche kirchenmusikalische Praxis. Der Thron Gottes geht in einen gefensterten Baldachin über und zitiert damit die Portalbaldachine und die Maßwerfenster von Maria am Gestade. Umgekehrt ließ sich Thomas Marzik im 19. Jahrhundert in der Ideenfindung für seinen Hochaltar direkt von diesem Bild inspirieren. Der Hintergrund des himmlischen Thronsaales ist lettnerartig abgeschlossen. Auf den Rückseiten der Tafelbilder sind „Christus am Ölberg" und die „Kreuzigung Christi" dargestellt. Es sind Bilder, die zum Innehalten und Nachdenken, zu Meditation und Gebet einladen.

links: Spätgotisches Tafelbild eines ehemaligen Flügelaltars (um 1460): Verkündigung
rechts: Spätgotisches Tafelbild eines ehemaligen Flügelaltars (um 1460): Krönung Mariens

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Die Kreuzwegstationen von Georg Kautzner, die 1861 zwischen die Blendarkaden der Seitenwände des Chorraumes eingepasst wurden, sind Nachahmungen der berühmten Kreuzwegbilder von Joseph Führich aus der Nepomuk-Kirche in Wien II. und im sanften Stil der Nazarener gemalt. An den Seitenwänden befinden sich die Apostelfiguren (1820) von links nach rechts: Thomas, Simon, Jakobus d. J., Petrus, Johannes d. Ev., Jakobus d. Ä., Paulus, Matthäus, Philippus und Bartholomäus.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

An der Stelle des Langhauses der heutigen Kirche befand sich ursprünglich eine Kapelle, die bereits im 9. Jahrhundert errichtet worden sein soll. Sie hieß zur damaligen Zeit Unser Vrowen chapellen auf der Stetten ze Wienne. Laut einer Sage geht der Bau auf den Passauer Bischof Mafalvin (oder Maldavin) zurück, der den Missionar und Baumeister Alfried mit dem Bau einer hölzernen Kapelle für das von den Donauschiffern mitgeführte Marienbild beauftragt haben soll. Urkundlich nachgewiesen ist die Maria-Stiegen-Kirche erstmals im Jahre 1158. Indirekt erwähnt wurde sie erstmals 1137 (im Rahmen der Vorgeschichte des Baues der Wiener Stephanskirche als eine der Kirchen der damaligen Pfarre St. Peter), ausdrücklich erstmals in einem Dokument aus dem Jahr 1200.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Im Chorraum der Kirche unmittelbar neben der Kanzel (1820) befindet sich ein Ende des 19. Jahrhunderts von Theophil Melicher gemaltes Bild des hl. Gerard Majella (geb. 1726). Dieser war ein Zeitgenosse von Alfons von Liguori und gehörte als Laienbruder der Ordensgemeinschaft an. Nachdem er 1755 noch in jungen Jahren verstorben war, wurde er in Süditalien bald zu einem wichtigen Fürsprecher in zahlreichen Anliegen. Bis heute wird er vor allem von Ehepaaren mit Kinderwunsch sowie von schwangeren Müttern um Hilfe gebeten. Sein Gedenktag wird am 16. Oktober begangen.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Am Südportal befinden sich außer den abgebildeten Figuren die Statuen der Heiligen Klemens Maria Hofbauer, Kajetan, Philipp Neri und Gerard Majella. Ansonsten zeigen die drei Kirchenportale Szenen aus dem Marienleben in Mosaik, Relief und Skulptur.

Skulpturen am Südportal von Josef Beyer (1900): die hll. Maria Magdalena und Alfons von Liguori sowie der Erzengel Michael und die hl. Elisabeth

 Maria am Gestade in Wien, September 2022

Maria am Gestade ist eine gotische römisch-katholische Kirche im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt, nahe dem Donaukanal. Sie war die traditionelle Kirche der Donauschiffer. Der Name leitet sich von der ehemaligen Lage der Kirche am Hochgestade eines Armes der damals noch unregulierten Donau ab. Maria am Gestade zählt gemeinsam mit der Peterskirche und der Ruprechtskirche zu den ältesten Kirchen Wiens. Sie sit die älteste Marienkirche Wiens, erste urkundliche Erwähnung 1137.

Maria am Gestade gehört zusammen mit der Ruprechtskirche und der Peterskirche zu den frühesten Kirchengründungen Wiens. Die Anlage befindet sich an der nordwestlichen Ecke des ehemaligen Römerlagers Vindobona. Das steile Schotterplateau zwischen dem früheren Salzgriesarm der Donau und dem Ottakringerbach im heutigen Tiefen Graben gab der Marienkirche ihren Namen: „Unsere Frau auf der Stetten", nobler „Maria am Gestade", lateinisch „Sancta Maria in litore". Die Stiegenaufgänge und eine moderne Skulptur am Haus Passauer Platz 5 halten die Erinnerung an die Zeit der Donauschiffer, Holzflößer, Fischer und Salzhändler fest.

 Maria am Gestade in Wien, September 2022